Willy Neuenschwander: Der Unverwüstliche

  • 01.10.2019

Seit 47 Jahren ist er Trainer aus Leidenschaft - und auch mit 71 denkt er nicht an einen Rücktritt: Willy Neuenschwander vom FC Langenthal ist immer offen für Neues. In der Branche geniesst er hohe Anerkennung.

Das Gespräch fängt weit unten an, auf Amateurebene, und es entwickelt sich zu einem Steigerungslauf. Irgendwann ist die höchste Stufe erreicht, die Champions League, und was immer diskutiert wird: Willy Neuenschwander gibt mit seinem Wissen oft das Tempo vor. Er weiss, was dort läuft, wo keine Scheinwerfer leuchten; er verfolgt aber auch sehr aufmerksam die Geschehnisse auf den grossen Bühnen der Fussballwelt.

Erfahrungen gesammelt hat er wahrlich genug: Neuenschwander war in jungen Jahren ein polyvalentes Talent, das es bis in die Nationalliga A brachte (1967 bei Grenchen, Debüt gegen den FC Zürich mit Köbi Kuhn), dann aber früh von einer gravierenden Knieverletzung gebremst wurde. Und er ist seit mittlerweile 47 Jahren im Trainergeschäft tätig. Vor drei Jahre kehrte er zum FC Langenthal zurück, zu jenem Klub also, bei dem er einst als Spieler angefangen hatte.

Neuenschwander, der in Aarwangen aufwuchs und im benachbarten Langenthal einst die KV-Lehre absolvierte, fing 1972 auf der Rankmatte als Spielertrainer an. Die Reise führte ihn nach Grenchen und Baden, Schöftland und Reiden, Schötz und Zofingen, Rothrist und Wangen, mehr als nur einmal kehrte er zu Langenthal zurück. Und nur einmal, 2002, gönnte er sich eine dreimonatige Pause. Aber dann meldete sich der in Not geratene SC Zofingen bei ihm, und schon gab der Altmeister sein Comeback.

Dreimal wöchentlich leitet er nun in Langenthal am Abend das Training, das Wochenende ist geprägt vom Match. Neuenschwander fehlt nie, er ist getrieben von einem beeindruckenden Ehrgeiz, von einer nie schwindenden Lust, er sagt: «Fussball ist meine Passion, ja fast eine Berufung. Ich bemühe mich darum, stets à jour zu sein.» Seit sechs Jahren ist er zwar offiziell pensioniert, aber von Ruhestand kann trotzdem nicht die Rede sein. Mit 71 stellt er sich der Herausforderung, den Spagat zu schaffen zwischen Routine und Offenheit für Neues, er bemüht sich um Abwechslung im Training, um kreative Lösungen von Problemen. Wenn er vor die Mannschaft tritt, ist er vorbereitet. Er weiss, wie er eine Übungseinheit gestalten will, er macht sich Gedanken darüber, mit welchen Worten und welcher Tonalität er eine Botschaft transportieren will.

Als Inhaber des Instruktorendiploms, das vergleichbar mit der heutigen UEFA-Pro-Lizenz ist, wäre es möglich gewesen, ein Nationalliga-A-Team zu übernehmen. Nur: Die Möglichkeit ergab sich nicht, auf höherem Niveau einzusteigen. Einmal, als der FC Winterthur in der NLB Interesse an ihm zeigte, lehnte er ab - aus Rücksicht auf seine Familie. «Der Job war früher schon mit Risiken verbunden», sagt er, «ich hatte den Mut nicht, mich zu hundert Prozent darauf einzulassen.» Priorität hatte sein Beruf als Bankkaufmann, «es war stets von Bedeutung, eine Sicherheit zu haben».

In all den Jahren schaffte es Neuenschwander immer wieder, sich anzupassen und den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. «Wenn ein Trainer das Gefühl hat, er könne heute allein mit Autorität etwas erzwingen, täuscht er sich», sagt er, «die Welt hat sich laufend verändert, auch die des Fussballs. Ein Coach muss heute die Meinungen seiner Spieler einholen und in seine Entscheidungsfindung einfliessen lassen.»

Früher galt Neuenschwander als knorrig und unzimperlich im Umgang mit Spielleitern, er tat kund, wenn ihm etwas nicht passte. Heute sagt er: «Ich war oft etwas impulsiv, vielleicht ab und zu etwas ungerecht mit den Schiedsrichtern.» Inzwischen zeichnet ihn eine gewisse Gelassenheit aus.

Zwei Saisons in Folge geriet Neuenschwander mit seinen Langenthalern in Abstiegsgefahr. Für 2019/20 wünscht er sich darum vor allem eines: Monate, in denen seine Nerven nicht arg strapaziert werden. «Wenn man ständig unter Druck ist, erschwert das die Integration von Jungen», sagt er. Nach neun Runden belegt er mit seinem Team Rang 9 - wohlwissend, dass der Unterschied zur Spitze gross ist. Neuenschwander kann Stärkeverhältnisse sehr wohl richtig einordnen. Wie sagt er doch nach dem 0:3 gegen Biel? «Wir hatten keine Chance. Der Gegner war gut, wir zogen einen schwachen Tag ein.» Auf den Punkt gebracht.

(pmb)

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